Gemeinsam den Alltag gestalten

20.02.2018

Pflege geht mich im Alter an, denken viele. Dabei benötigen auch jüngere Menschen Unterstützung, zum Beispiel nach einem Unfall. Oft fehlen jedoch die passenden Konzepte. In Heidelberg hat die SRH Pflege Lösungen entwickelt. Zwei Pflegekräfte erzählen aus dem Arbeitsalltag.


In der SRH Pflege gestalten junge Menschen mit Einschränkungen selbstständig ihren Alltag (SRH Pflege/Jörg Simanowski)

Eben noch mit dem Auto auf der Straße, dann ein großer Knall. Das ist alles, woran sich Alexander Büchner (Name geändert) erinnert. Der Unfall hat sein Leben grundlegend verändert. Fast zwei Jahre lag er im Wachkoma.

Zunächst kann Büchner weder laufen noch sprechen. Er soll in ein Pflegeheim. Doch sein Umfeld setzt sich dafür ein, dass der 38-Jährige mit anderen jungen Menschen zusammenkommt. So stößt Büchners Betreuer auf das „Junge Wohnen“ der SRH Pflege in Heidelberg.

Hier leben Menschen nach einem Unfall oder einer Krankheit und erhalten Unterstützung im Alltag. Im Schnitt sind die Bewohner 35 Jahre alt. Der Pflegedienst der SRH Berufliche Rehabilitation Heidelberg hat das Wohnkonzept speziell für deren Bedürfnisse entwickelt. Die Bewohner gestalten gemeinsam ihren Alltag, die Pfleger unterstützen sie dabei.

Der Bedarf an solchen Angeboten ist hoch. 386.000 Menschen unter 60 Jahren sind in Deutschland auf Pflege angewiesen. Doch speziell unter den bis 29-Jährigen findet bisher jeder Zweite kein passendes Wohnangebot, obwohl er sich dies wünscht. Das zeigt eine Studie im Auftrag der Barmer Krankenkasse.

Im Vergleich zur Hilfe für Ältere benötigen junge Menschen einen anderen Ansatz, weiß Pflegefachkraft Petra Becker von der SRH Pflege: „Die Arbeit ist stärker in die Zukunft gerichtet. Unsere Bewohner wollen ihr Leben wieder selbstständig gestalten und wir unterstützen sie dabei.“ Das heißt auch, sich im Tagesablauf flexibel auf die Bewohner einzustellen. „Die jungen Leute wollen am Wochenende auch mal Party machen und zum Beispiel erst nachts um 12 duschen. Jeder Tag ist anders, das macht die Arbeit sehr spannend.“

Zur Pflege kommt im Jungen Wohnen ein vielfältiges Programm für die Selbstständigkeit: Sprachtherapie, Ergotherapie für die Koordination und Physiotherapie. Dafür kooperiert die SRH Pflege mit dem SRH Kurpfalzkrankenhaus und den Therapiewissenschaften der SRH Hochschule Heidelberg. Die Fakultät bildet Ergo-, Physio- und Musiktherapeuten aus. Pflegekräfte, Therapeuten und Ärzte stimmen sich ab, welche Unterstützung der Einzelne benötigt.

„Für den einen ist es wichtig, im Rollstuhl die Beweglichkeit im Arm wiederzuerlangen. Ein anderer muss wieder alleine essen können. Durch die räumliche Nähe können wir gemeinsam mit den Therapeuten daran arbeiten und den Bewohnern den entscheidenden Impuls im Alltag geben“, sagt Becker.

Der Erfolg gibt dem Konzept recht: Mit der neu gewonnenen Selbstständigkeit konnten bereits einige Bewohner vom stationären Jungen Wohnen in den ambulanten Pflegedienst wechseln, der sie flexibel zu Hause versorgt. „Wir helfen dabei, im eigenen Umfeld den Alltag zu organisieren und sind mehrere Stunden vor Ort“, sagt Pflegefachkraft Ulrike Haidle.

Dieser aktivierende Ansatz ist für Petra Becker und Ulrike Haidle das Modell der Zukunft. „Das heißt, offen zu sein für neue Ideen“, sagt Petra Becker. Und Ulrike Haidle ergänzt: „In unserem vielfältigen Team kann jeder andere Erfahrungen einbringen. Davon profitieren alle.“ Beide wünschen sich, dass diese Konzepte weiter Schule machen.