Seit einem Badeunfall ist Robert Croissant gelähmt. Trotz dieses Handicaps hat er seine Lebensfreude nicht verloren. Freunde und Familie schenken ihm den nötigen Rückhalt. Und das SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd eröffnet ihm über eine E-Learning-Ausbildung die Aussicht auf eine neue berufliche Existenz.
Robert Croissant ist auf dem Weg zum Virtuellen Berufsbildungswerk Neckargemünd. Dazu muss er keinen Fuß vor die Tür setzen. Von zu Hause aus absolviert er via E-Learning seit anderthalb Jahren eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Zielsicher steuert er seinen Rollstuhl vor den Computer. Am Tisch ist in Kopfhöhe ein Gummistick montiert, der wie ein Mikrofon anmutet. Mit dem Mund bewegt Croissant den Stick, und in den Bildschirm kommt Leben.
Dinge wie das Steuern und Bewegen seines Rollstuhls muss er mit dem Kopf erledigen. Denn seit seinem Unfall im Jahr 2006 ist er vom Hals abwärts gelähmt. Ein gebrochener Halswirbel hat ihm die Nervenbahnen im Rückenmark durchtrennt – und sein Leben so gewissermaßen in zwei Teile geschnitten.
In seinem ersten Leben arbeitete Robert Croissant in einer Glaserei in der Nähe seines Elternhauses; ein junger Mann voller Tatendrang, der es liebte, mit Freunden unterwegs zu sein – wie an jenem warmen Juliabend, nach dem nichts mehr so sein sollte wie zuvor.
Robert hatte mit Freunden ein Seefest besucht. Auf dem Nachhauseweg beschloss er spontan, den See zu durchschwimmen. „Für den Weg zurück habe ich am anderen Ufer Anlauf genommen. Da die Uferpartie recht steil war, dachte ich, das Wasser sei ausreichend tief, und sprang kopfüber ins Wasser. Ich spürte nur noch einen dumpfen Schlag, dann war alles schwarz um mich herum“, erzählt er. „Am Ufer kam ich noch einmal kurz zu Bewusstsein. Eine Taschenlampe strahlte mich an. Ich spürte meine Arme und Beine nicht mehr, sah aber, dass sie noch dran waren, und dämmerte wieder weg.“
Es folgten sechs Monate Klinikaufenthalt, die Erkenntnis, dass er für den Rest seines Lebens gelähmt und von anderen abhängig sein würde, und die quälende Frage, wie es mit ihm weitergehen solle. „Gerade in dieser für mich schwierigen Zeit waren meine Freunde und meine Familie immer für mich da. Gemeinsam überlegten wir, welche beruflichen Möglichkeiten mir bleiben“, betont Croissant. Schließlich kam von der Arbeitsagentur der Tipp, mit dem Berufsbildungswerk in Neckargemünd zusammenzuarbeiten. „Mit meinen Computerkenntnissen konnte ich die Verantwortlichen in einem Vorstellungsgespräch schnell davon überzeugen, dass eine E-Learning-Ausbildung zum Bürokaufmann das Beste für mich ist“, erklärt Robert Croissant.
Heute wird er gemeinsam mit vier anderen Teilnehmern via Computer von Ausbildern und Lehrern unterrichtet. Über einen virtuellen Konferenzraum sind dabei Dialoge wie im richtigen Klassenzimmer möglich. Eines seiner Lieblingsfächer ist Datenverarbeitung. „Es macht mir zum Beispiel Spaß, mit Excel zu arbeiten, einem Programm, das die Arbeit so sehr
erleichtert. Die dahinter stehende Logik zu verstehen, das fasziniert mich“, sagt er. Ferner lernt er, eine virtuelle Übungsfirma, einen so genannten Online-Store, aufzubauen und zu betreiben. Dazu hat er sich mithilfe eines speziellen Programms Internetseiten gestaltet.
Ein Computerfreak, der auch gerne die Rechner seiner Freunde in Schuss hält, war Robert Croissant schon immer. Nach dem Unfall ist für ihn die Bedeutung des Computers noch gestiegen. Der Bildschirm ist für ihn gewissermaßen ein Fenster, das ihm den Blick auf eine neue Existenz freigibt, die er sich über die Ausbildung eigenständig aufbauen kann. Zudem erlaubt ihm der Computer, Musik zu hören und Menschen kennen zu lernen, etwa über seine eigene Website.
„Die Idee, online zu gehen, kam mir 2007. Nachdem die örtliche Tageszeitung einen Artikel über mich brachte, sprachen mich viele Menschen an und bedankten sich für meine Offenheit“, erzählt Robert Croissant. „Das hat mir gezeigt, dass ich vielen Menschen, die Ähnliches erlitten haben wie ich, Mut machen kann. Und das treibt mich an.“ Mehr als 25.000 Menschen haben inzwischen seine Internetadresse angeklickt. Gerade das Gefühl, gebraucht zu werden, helfe ihm, seine Situation zu akzeptieren, sagt Croissant, der ein Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen sein wird – sogar beim Waschen, Ankleiden und Essen.
Dennoch: Wenn er auf sein Leben vor dem Unfall angesprochen wird, regt sich in ihm keine Wehmut und Trauer. „Ich erinnere mich gerne, bin dankbar für das Erlebte, zum Beispiel als ich 2006 während der Fußball-WM in der Innenstadt von Kaiserslautern mit Freunden die Spiele der deutschen Mannschaft feierte.“ Er versuche eben, das Beste aus der Situation zu machen, alle Ressourcen auszuschöpfen und sich auf Kommendes zu freuen. Zum Beispiel auf das Praktikum im Sommer, das er in einem Tagungszentrum unweit seines Wohnorts absolvieren will. Und noch einem Ereignis fiebert er entgegen: dem U2-Konzert in Frankfurt, das er unmittelbar an der Bühne erleben darf.
Georg Haiber
Information:
http://www.kleincrossi.com/
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