Kommunikation auf Augenhöhe

27.11.2018

Zum Welttag der Menschen mit Behinderung (3.12.): Eine körperliche Einschränkung macht den Jobeinstieg oft schwer. Dabei kommt es nur auf die richtige Unterstützung an, zeigt der hörgeschädigte Christian Winzer. Ihm gelingt eine Ausbildung unter Hörenden.


Foto: Christian Winzer sitzt rechts im Gespräch mit Kommunikationspädagogin Jasmin Groh

Christian Winzer im Gespräch mit Kommunikationspädagogin Jasmin Groh (Foto: SRH Berufliche Rehabilitation)

Christian Winzer ist groß, kräftig und exzellent ausgebildet. Trotzdem musste der gelernte Handwerker mit dem dichten Vollbart über 270 Bewerbungen schreiben, bis er den ersten Job hatte. „Bei vielen Arbeitgebern blieb aus dem Lebenslauf nur ‚Sonderschule‘ hängen – weil ich eine Berufsschule für Hörgeschädigte besucht habe.“

Durch eine Mittelohrentzündung als Kind hat Christian Winzer einen Großteil seines Gehörs verloren. Das gleicht er mit Lippenlesen und Gebärdensprache problemlos aus. Allerdings sind Arbeitgeber oft skeptisch, wie das im Beruf funktioniert. Viele Schwerbehinderte machen ähnliche Erfahrungen. Etwa 13 Prozent waren im letzten Jahr ohne Job. Die meisten finden nur schwer aus der Arbeitslosigkeit, sie ging gegenüber 2016 lediglich um zwei Prozent zurück, zeigen Daten der Agentur für Arbeit.

Christian Winzer kann schließlich in einer Schreinerei einsteigen, übernimmt unterschiedlichste Aufgaben in vielen Jobs. Doch nach einem Bandscheibenvorfall muss er sich komplett neu orientieren. Für eine Umschulung benötigt er allerdings Dolmetscher. „Sonst ist es fast unmöglich, gleichzeitig zu schreiben, von den Lippen abzulesen und zu verfolgen, was im Unterricht passiert“, sagt er.

Der 41-Jährige entscheidet sich für eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei der SRH Berufliche Rehabilitation in Heidelberg. Hörgeschädigte können hier auf Kommunikationspädagogen zurückgreifen. Ihre Unterstützung ist genau auf eine Ausbildung zugeschnitten: Das Team übersetzt in Gebärdensprache, fertigt Mitschriften an, hilft beim Lernen und bei organisatorischen Problemen.

„Wir vermitteln jedem genau das, was zum Lernen benötigt wird. Dafür einigen wir uns zum Beispiel auf einheitliche Gebärden für Fachausdrücke, falls es noch keine Entsprechung in Gebärdensprache gibt oder diese nicht geläufig ist“, erklärt Kommunikationspädagogin Jasmin Groh. „Der Unterricht läuft gemeinsam mit Hörenden. Diese Kommunikation auf Augenhöhe ist eine wichtige Vorbereitung auf den Beruf.“

Dazu gehört ein Praktikum. „Wir klären mit Chefs und Kollegen, worauf sie bei der Kommunikation achten müssen. Nach unserer Erfahrung baut dies anfängliche Vorbehalte ab und erleichtert den Einstieg“, sagt Jasmin Groh. Wenn alles klappt, hat Christian Winzer 2020 den IHK-Abschluss. Zum Welttag der Menschen mit Behinderung wünscht er sich, dass noch mehr Unternehmen hörbehinderten Bewerbern eine Chance geben.