02.10
2019

Leben in einer lautlosen Welt

Tördin Schönfelder in einem Video zur Gebärdensprache (Screenshot)

Wie Hörende und Gehörlose kommunizieren können und warum Lippenlesen nicht alles ist, erklärt Gebärdensprachdozentin Tördin Schönfelder.

Sprache verbindet Menschen. Doch eine offizielle Sprache ist kaum bekannt: die Gebärdensprache. Hörgeschädigte sind dadurch häufig vom Alltag ausgeschlossen. Das gilt besonders für eine Ausbildung. Nur etwa ein Prozent der 80.000 Menschen mit einer Hörschädigung in Deutschland macht das Abitur, spezielle Bildungsangebote sind rar. Eine mögliche Unterstützung sind Pädagogen, die Gebärdensprache können.

Tördin Schönfelder entwickelt diese Ausbildung an der SRH Berufliche Rehabilitation. Hier lernen Menschen mit und ohne Hörschädigung gemeinsam. Im Interview erklärt die gehörlose Dozentin, was Gebärdensprache besonders macht und warum wir alle uns öfter trauen sollten, mit den Händen zu gebärden.

Frau Schönfelder, viele gehen davon aus, dass Menschen mit Hörschädigung schriftlich kommunizieren oder von den Lippen ablesen können. Warum ist die Gebärdensprache wichtig?

Schönfelder: Weil die Kommunikation so für alle am besten gelingt. Vor allem wer von Geburt an taub ist, muss erst mühsam lernen, wie man Wörter richtig ausspricht. Lippenlesen alleine geht nicht, denn dabei werden nur etwa 30 Prozent der Information übermittelt. Deshalb ist die Kombination wichtig. Und Gebärden liegen allen Menschen: Kleinkinder reden mit den Händen, bevor sie sprechen können.

Wie funktioniert Gebärdensprache im Vergleich zur Schriftsprache?

Die Schriftsprache hat eine klare Wortstellung, die Informationen sind aneinandergereiht, der Zusammenhang ergibt sich nach und nach. Gebärdensprache hat eine eigene Grammatik und alles wird dreidimensional in Bildern dargestellt: Handlungen, Orte und Personen. Für den Satz „Das Auto fährt den Berg hinauf“ – mit einer flachen Hand für „Auto“ – wird die Hand von unten nach oben „hinauf“ gebärdet. Das Bild eines unsichtbaren Bergs entsteht in der Vorstellung.

Viele Hörende sind erstmal verunsichert, auf Hörgeschädigte zuzugehen. Was ist Ihr Tipp für die Kommunikation?

Zuerst Blickkontakt herstellen, zum Beispiel durch tippen auf die Schulter. Dann langsam sprechen. Wer mutig ist, „redet“ parallel mit den Händen. Ansonsten sind Papier und Stift immer hilfreich. Ganz wichtig: Wenn Sie jemanden ansprechen und merken, dass er Sie nicht hören kann, drehen Sie sich nicht einfach um und gehen weg. Besser ist, das Gesagte langsamer zu wiederholen!

Wie unterstützen Kommunikationspädagogen in der Schule und in der Ausbildung?

Sie übertragen den Inhalt und Fachbegriffe in Deutsche Gebärdensprache. Ziel ist ein genaues Verständnis. Dafür verschriftlichen sie Infos, bereiten Unterlagen auf oder geben Nachhilfe. Deshalb brauchen sie pädagogisches Wissen.

Was lernen Menschen in der Ausbildung zum Kommunikationspädagogen?

Die Ausbildung ist für hörende und gehörlose Teilnehmer gedacht. Es werden Fächer wie Gebärdensprache, Pädagogik, Psychologie und Kultur der Gehörlosen unterrichtet. Ebenso lernen die hörenden Teilnehmer die lautlose Welt näher kennen, und umgekehrt.

Wo können diese Kommunikationspädagogen anschließend überall arbeiten?

Sie begleiten Erwachsene, die sich nach langer Krankheit oder Unfall beruflich neu orientieren müssen, z.B. in der Rehabilitation, zum Berufsabschluss. In der Arbeit mit Kindern können sie in Kindergärten arbeiten oder in Schulen und anderen Einrichtungen bis zum Abschluss unterstützen.

Wie würde Inklusion im Alltag gelingen und was wünschen Sie sich dafür?

Inklusion bedeutet für mich, dass jeder Mensch sein Ziel erreichen kann, unabhängig von einer Behinderung. Für Gehörlose heißt das: Wenn jeder in ihrem Umfeld nur etwas Gebärdensprache kann, wäre schon viel geholfen.

Im Studium war ich die einzige gehörlose Studentin und habe vieles nicht oder erst auf Nachfrage mitbekommen, weil niemand sich mit mir wirklich unterhalten konnte. Die Bereitschaft zur Kommunikation ist wichtig. Ich habe schließlich auch mühsam – für die Hörenden - sprechen gelernt, mit Hilfe der Familie und Logopäden. Inklusion heißt geben und nehmen, so hat jeder Mensch etwas davon.

 

Kleiner Kurs in Gebärdensprache

„Hallo!“, „Schönes Wochenende!“: Tördin Schönfelder zeigt auf YouTube Gebärden für den Alltag.

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